Reiseberichte von Mirjam Hollinger


3. Reisebericht


Im Herbst 2012 machten Sepp Hollinger und seine Tochter Mirjam eine weitere Reise nach Mali. Sie besuchten trotz schwieriger politischer Situation die Missionsprojekte bei Pater Oskar Geisseler WV, in der Patenschaftspfarrei Dyou / Kadiolo. Dazu schreibt Mirjam nun folgenden Reisebericht.

Berührt von reiner Liebe

Mittlerweile bin ich seit vier Monaten wieder zurück aus Mali. Doch meine Seele und mein Herz sind noch geblieben, und gerade jetzt, in dieser schwierigen Zeit die unsere Freunde erleben, sind meine guten Wünsche und Gebete ganz fest bei ihnen. Denn plötzlich ist alles anders geworden und dazwischen liegt für mich nicht mehr als ein Atemzug. Meine letzten Gedanken vor dem Einschlafen tragen mich nach Afrika und in jedem meiner Träume durchlebe ich noch einmal und immer wieder den wunderschönen letzten Herbst. Gleichzeitig ist es täglich eine Gratwanderung und ein Kampf mit meinem schlechten Gewissen; ich setze mich an gedeckte Tische, schlafe abends behütet und beschützt ein, wie anders ist es in Mali. Doch in mir ist die grenzenlose Angst und Ohnmacht, das Gefühl der Ungerechtigkeit, Angst vor der Zukunft Malis, Angst um die Existenz meiner Freunde. Wenn ich dann die Angst kaum noch aushalte die mir meinen Atem raubt, gibt es diese Bruchteilevon Sekunden, die mich zurückführen nach Mali und mir von einer anderen Wirklichkeit erzählen; tröstend und heilsam. Als ob mir, wenn auch nur kurz, der Schritt hinter die Angst und in die Freiheit gelänge: strahlend, spürbar durchströmt von Glaube und Zuversicht, getragen von meinen vielen Erlebnissen in Afrika, die mich immer wieder in meinem Glauben bestärken, dass Gott schützend seine Hand über meine Freunde hält.

So verschieden die Weissen Väter Afrikas sind, mit denen ich einen Stück Weg gehen durfte, so verschieden sind ihre Geschichten und Weisheiten. Gemeinsam miteinander und von einander lernen, persönliches Wachsen ist und war für mich die Zeit an ihrer Seite. Dieser Gewinn an wertvollen Weisheiten ist das kostbarste Geschenk welches ich auf der Erde finden werde.

Mein letzter Besuch in West-Afrika unterschied sich von meinen früheren Reisen nach Mali. Aufgrund der schon damals herrschenden Unruhen konnten wir nicht über Bamako einreisen. Es war und ist noch immer zu riskant und zu gefährlich. So flogen wir nach Ouagadougou, die Hauptstadt von Burkina Faso. Auf der Missionsstation der Weißen Väter in Ouagadougou trafen wir viele bekannte Gesichter und Freunde. Auch in diesem Land ein nach Hause kommen. Missionare und Besucher, die den Norden Mali verlassen mussten und nun in Burkina Faso Zuflucht fanden, waren kein Einzelfall. Beängstigend diese Nachrichten und Geschichten über Menschen, die nun plötzlich ein Gesicht und einen Namen hatten und trotzdem zu tief die Sehnsucht und das ungestillte Heimweh nach Mali. Der Wunsch, der mein Herz erfüllte, an den Ort zurück zu kehren wo meine Liebe zu Afrika vor Jahren zu spriessen begann.

Über den Landweg und verschiedene Grenzen reisten wir während drei Tagen westlich in den Süden Malis. Ein Spiessrutenlauf durch diverse Zollkontrollen, für uns unvorstellbare Vorschriften und Regelungen, fern ab jeglicher gewohnter europäischer Sicherheitsnormen. Wir waren an willkürliche Gesetze ausgeliefert, abhängig von Laune und Wetter, aber wie so vieles was in meinen Augen unmöglich erschien, am Ende funktionierte es. Die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze Afrikas zu hinterfragen, geschweige denn meine Tage zu planen, damit habe ich schon lange aufgehört. Bittere und schöne Erfahrungen haben mich in den vergangen Jahren gelehrt: „Afrika lebst und verstehst du mit dem Herzen - oder gar nicht.“

In diesem Sinne verbrachten wir unsere drei Wochen, wir lebten mit dem Herzen von Tag zu Tag, von Moment zu Moment der uns geschenkt wurde. Es gab kein Nachher, kein Später, nur den Moment. So lernte ich, Momente zu gestalten, zu geniessen und mit allen Sinnen achtsam zu sein. Zusammen mit den Missionaren der Missionsstation besprachen wir unsere verschiedenen laufenden Projekte, besuchten die Schulen und die Kirche, die wir bauen, hielten die Bilder, Situationen und Erlebnisse fest mit Kamera, Kopf und Herzen. Verbrachten Zeit mit Familien und Freunden, diskutierten und argumentierten um neue Projekte aufzuziehen oder schon bestehende zu optimieren. Wir verteilten Medikamente und Hilfsmittel in Krankenstationen und Spitälern und waren wieder einmal mehr ergriffen und sprachlos über die kargen Einrichtungen und die widrigen Umstände. Ein gewaltiger Kontrast im Vergleich zu meinem täglichen Spitalalltag in der Schweiz; armselige Verhältnisse die kaum zu beschreiben sind. Zustände, die alle meine Vorstellungen von Fairness zerstören. Wenn überhaupt ein Funken Fairness existiert, so war ich unmöglich in der Lage ihn wahrzunehmen. In solchen Momenten musste ich stehenbleiben um durchzuatmen, innehalten um zu realisieren was ich gerade gesehen und erlebt hatte, warten bis mein Herz in meiner Brust weiterschlug, mir mein inneres Fundament vergegenwärtigen um meinen wankenden Beinen stabilen Boden zu geben.

Teilweise benötigte es viele Kannen afrikanischen wässerigen Kaffees um Vorstellungen und Möglichkeiten der Schweiz und Malis in Einklang zu bringen. Fingerspitzengefühl, gegenseitiges Verständnis und immer wieder die Einsicht unsererseits, dass wir den Geist Afrikas nicht einfach ändern können. Da wäre zum Beispiel das Geld für eine neue Kirche seit zwei Jahren vorhanden, aber es steht noch nicht ein Stein vor Ort. In meinen Augen unbegreiflich und natürlich im ersten Moment eine riesige Enttäuschung. Was erzähle ich zuhause, welche Fotos zeige ich nun den Spendern, die auf das Resultat gespannt sind? Aber das einzige das in dieser Situation nicht stimmt ist meine Vorstellung und meine Erwartung die Kirche müsste im besten Fall schon stehen. Es ist meine Einstellung, mein Tempo, das es anzupassen gilt. Ich übe mich darin die Augen zu öffnen nicht den Mund. Teilweise schmerzhaft und die Wut und das Unverständnis in meinem Hals kaum schluckbar, ein grosses Aber in meinem Herzen: Aber man könnte doch optimieren, Aber die Kinder könnten doch auch am Nachmittag in die Schule, Aber wieso arbeiten sie nicht speditiver, Aber wieso leben sie mit ihren Kindern auf der Müllhalde, Aber wieso können wir nicht alle Menschen impfen, Aber wieso können wir genau dieses Kind nicht retten.

Die Erfahrungen und Fragezeichen der letzten Jahre die mich an meine Grenzen brachten, mich unzählige Male verzweifeln liessen, die mich in Abgründe blicken liessen, an deren Rand mir heute noch schwindelt, wurden für mich zum grössten Geschenk. Denn nur durch sie lernte ich Afrika verstehen und ein Teil davon zu werden. Erst dies ermöglichte mir mit ihnen zu leben, die ganze Schönheit dieser Menschen wahrzunehmen und ihre Lebensfreude ein Teil meiner selbst werden zu lassen. Ein Geschenk, das mich bereicherte und mich selber wachsen liess. Mehrfach wurde ich gefragt wie sich die Bevölkerung und das Leben in Mali in den letzten Jahren verändert hat. Eine schwierige Frage, jedoch spüre ich den starken Einfluss der westlichen Welt bei jedem Besuch stärker. Der wachsende Wunsch nach Luxus, wenn auch nur in kleinster Form und Weise, die weitverbreitete Vorstellung, dass bei uns einfach alles besser und einfacher ist und der große Traum, der in vielen schlummert, in eines der reichen Länder zu reisen. Parallel sind jedoch auch zahlreiche blühende, wachsende, positive Veränderungen spürbar.

So ist es zum Beispiel schön zu erleben, wie Schule und Bildung in verschiedenen Formen an Gewicht gewinnent. Das Schulsystem auf dem Land wurde stark ausgebaut und ermöglicht so auch ärmeren Kindern eine solide Grundausbildung. In vielen Dörfern haben Frauen nun die Gelegenheit Kurse zu besuchen. Sie lernen einen Garten zu bewirtschaften, einfache Näharbeiten herzustellen und die Grundversorgung bei einfachen Krankheiten selber durchzuführen. Allgemein sehe und erlebe ich heute viel mehr Frauen in guten Arbeitspositionen als noch vor 7 Jahren. Weiter sind im Müllabfuhr-System auffallen positive Verbesserungen erkennbar. Die Grundversorgungen der Nahrungsmittel wurden erweitert und ausgebaut, wo ich vor 7 Jahren noch kaum Mehl und Backpulver fand gibt es heute Vanillezucker und Dosenerbsen. Neu errichtete Strassenlaternen, die nun bis in die Nacht hinein leuchten, damit Studenten unter ihrem Licht lernen können, da sie zuhause keinen Strom haben. Erfolgserlebnisse und Veränderungen im Kleinen, die Grosses bewirken. Dies zeigte mir immer wieder auf, wie wichtig die Kontinuität unserer Arbeit und unseres Wirkens ist. Neueingeschlagene Wege in kleinen Schritten, doch durch die Kontinuität sind es Schritte vorwärts und wie gesagt das Tempo Afrikas ist nicht unseres. Wie eine nigerianische Lebensweisheit besagt: „Als Gott die Welt erschuf, gab er den Europäern die Uhr, uns Afrikaner schenkte er die Zeit.“ Diese Schritte sind wie kleine Sternschnuppen, aber davon gibt es in Afrika so viele, dass sie den Himmel nachts hell erleuchten. Der Himmel Afrikas war für mich so oft Symbol für das Werk der Weissen Vätern in Afrika und ihren Freunden in Europa. Überall verstreut leuchten helle, glitzernde, hoffnungsbringende Sterne und ohne diese Sterne wäre der afrikanische Himmel schwarz.

Die grenzenlose Dankbarkeit der Menschen ist für mich immer wieder Seelennahrung pur. Diese und der Blick in den afrikanischen Nachthimmel geben mir immer wieder Mut und Kraft, mich mit ganzem Herzen und ganzer Seele für Mali und seine Bevölkerung einzusetzen. Denn man erträumt sich ein Ideal, man ersehnt es, lauert darauf und dann, an dem Tag, wo es Gestalt annimmt, hat man Angst es zu leben, fürchtet, den eigenen Träumen nicht gewachsen zu sein oder sie mit einer Wirklichkeit in Einklang zu bringen, für die man verantwortlich wird. Es ist leicht sich zu weigern, erwachsen zu werden, so leicht die eigenen Fehler zu vergessen und sein Schicksal verantwortlich zu machen anstatt zu handeln. Afrika und seine Bevölkerung lehrten mich in jedem Augenblick weit mehr als ich jemals zu träumen wagte. Sie haben meinem Herzen und meiner Seele auf heilsame, tiefe Weise neue Dimensionen erfahren lassen - berührt von reiner und tiefer Liebe.

Reich an berührenden Begegnungen, wertvollen Erfahrungen, unvergesslichen Erinnerungen, bereichernden Lebensweisheiten und tiefen Freundschaften vergeht die Zeit. Ich lernte mein Leben mit allen Sinnen zu schätzen. Kleinigkeiten verlieren an Bedeutung und Prioritäten werden neu geordnet. Mehr als jemals zuvor erkenne ich das Glück, welches mich seit meiner Geburt begleitet. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich keine Angst mehr vor der Ewigkeit, vor dem Angriff der Zeit. Auch wenn ich all das durchgemacht habe, was ich durchgemacht habe, so bereue ich die Schwierigkeiten nicht, in die ich mich begeben habe - weil sie es waren, die mich dorthin brachten, wohin ich zu gelangen wünschte. In Ehrfurcht und Dankbarkeit vor dem göttlichen in jedem Menschen schliesse ich die Augen und fühle mich verbunden mit meinen Freunden unter der Sonne Afrikas.

Mirjam Hollinger

2. Reisebericht

Eine Reise ins Innern meines Herzens

Klein und unscheinbar wie es hier liegt. Das kleine schwarze Büchlein. So unscheinbar es von außen wirkt, so wertvoll sein Inhalt und seine Geschichten für mich. Sein Inhalt, die Geschichten einer Reise ins Innere meines Herzens.

Die Seiten bereits leicht zerknüllt und dreckig, der Einband abgenutzt die Ecken angeschlagen. Und wenn ich es öffne und dabei die Augen schließe ist als rieche ich den Duft Afrikas, spüre die Hitze auf meiner Haut, und höre die verschiedenen fremden fernen Geräusche. Zwei Jahre sind vergangen seit meiner Reise nach Mali. Jedoch ist es als haben sich die Bilder und die Gesichter in meiner Seele eingemeißelt.

Das Gesicht von Ghiar dem Koch den wir im großen Spital von Bamako besucht haben. Wir suchten ihn in einem der Mehrbettzimmer zwischen Decken, Schüsseln mit Essen, Unmengen Angehöriger, Abfall und Waschkübeln. Fanden ihn auf dem Gang auf einer kaputten Strohmatte. Zu laut und zu heiß sei es im Zimmer und Betten gibt es keine mehr frei. Diese großen, leeren vom Schmerz gequälten Augen, haben mich noch lange in meinen Träumen begleitet. Hoffnungsvolle Blicke, Hoffnung groß wie der Hunger in diesem Land, Chancen so winzig wie der Regen während der Trockenzeit. Selbst ich wusste das ich Ghiar nie mehr sehen werde, dass es nur noch eine Frage der Nächte war die er überleben wird. Kein Wort der Klage, kein Wort der Furcht. Gute Wünsche und Dankbarkeit gibt er mir auf meinen Weg. Dir auch alles gute Ghiar, Gott möge dich begleiten.

Gnadenlos und ohne Rücksicht, prasseln die Eindrücke auf mich ein. Zerrütten und zerstören erbarmungslos mein Weltbild das ich mir in den letzten 27 Jahren aufgebaut habe. Unumgebar werde ich gezwungen mein Leben zu reflektieren und zu überdenken. Wie nachhaltig sich diese Reise auf mein Leben auswirken wird, konnte ich nicht ahnen. Der Afrikaner sagt in einem Sprichwort: „wenn ein Fremder nach Afrika reist, weint er zweimal, einmal wenn er kommt und einmal wenn er geht.“

Die Nächte in Afrika sind heiß und lang. Die Luft steht still, Eindrücke verfolgen und machen schlaflos. Gefühle überschlagen sich und ich bin nicht mehr fähig sie zu ordnen, zu stoppen, anzuhalten. Tränen fließen vor Wehmut, Hilflosigkeit und Wut. Wie ist das nur möglich in der heutigen Zeit? Dass Menschen so unendlich leiden müssen und wir uns in Europa über Kleinigkeiten streiten und Millionen dafür ausgeben. Nein ich halte das nicht mehr aus. Keinen Tag länger ich möchte einfach nach Hause. Nur war es nicht möglich nach Hause zu reisen. Mein Retourticket zurück in den Luxus ging in drei Wochen. Drei Wochen gefangen in diesem Land schien mir unmöglich zu überleben. Unsere Reise ging weiter ins Innere von Afrika. Und ich lernte!! Ich lernte mit den Händen zu essen. Ich lernte ganz sparsam mein Wasser einzuteilen, ich lernte mich gegen Moskitos und Malaria zu schützen, ich lernte zu warten, auf den Bus, das Essen auf alles. Aber das wichtigste, ich lernte die Schönheiten Afrikas zu erkennen. Die Dankbarkeit in den Augen der Menschen, die ganz anderen Farben, und die Fröhlichkeit der Menschen trotz ihrer großen Armut. Die Gespräche mit den Afrikanern sind unglaublich bereichernd und ihre Weisheiten sehr eindrücklich. Nur manchmal fehlt es an der Umsetzung und leider hat die Macht des Geldes auch hier eine zu große Kraft. Alles wird verlassen, aufgegeben, kein Weg zu weit, kein Verzicht zu schmerzend, kein Tabu um an Geld zu kommen.

So reisen wir in der letzen Woche ins Goldgräberdorf in Badalabugu am Fluss Bagoé. Vor längerer Zeit wurde hier etwas Gold gefunden. Diese Meldung hat nun ganze Mengen dazu bewegt ihre ohnehin schon spartanischen Lehmhütten zu verlassen um nach Gold zu graben. Tausende von Menschen leben auf engstem Raum in Hütten aus schwarzem Plastik. Keine Hygiene, kein Wasser, keinerlei ärztliche Versorgung, kein Strom und keine Abfallentsorgung. Kinder wurden aus der Schule genommen, um mit ihren Eltern nach Gold zu suchen. Primitiver könnten die Umstände nicht sein, dementsprechend groß mein Unverständnis und die Lehre in meinem Herzen. Wie können diese Männer das ihren Familien antun? Und doch bleibt mir kein Recht zu verurteilen. Wie groß wäre wohl meine Sehnsucht nach etwas Wohlstand nach einer Handvoll Glück.

Der Mond löst die Sonne ab; und mit jedem Wechsel wird Afrika mir vertrauter. Gerüche sind nicht mehr so fremd, die Laune der Menschen steckt an und löst ein Gefühl der Wärme aus in mir. Wir haben so viele Menschen kennengelernt und ihre Freundlichkeit, ihre Liebe und Güte kommt aus ganzem Herzen. Es ist wundervoll zu spüren, dass unser Wirken aus der Schweiz etwas bewegt und bewirkt. Dass die Hilfe ankommt. Die Dankbarkeit der Menschen ist grenzenlos und unübertreffbar.

In meiner letzten Nacht sind es Tränen der Bitterkeit Mali wieder zu verlassen, was soll ich wieder in der Schweiz? Noch Wochen nach meiner Rückreise spüre ich die Umarmungen und das Schütteln der Hände meiner neuen Freunde. Und noch zwei Jahre später ist diese Wärme in meinem Herzen spürbar. Das unsichtbare Glück wenn ich mein kleines Tagebuch öffne und mich erinnern darf an die Chance dieser großen Reise ins Innern meines Herzens.

September 2010 Mirjam Hollinger

1. Reisebericht

Mirjam Hollinger war vom 21. September - 13. Oktober 10 in der Pfarrei Dyou.

Ist es ihre Würde die sie so schön macht?

Mali! Dieses Land und seine Bevölkerung sind etwas ganz besonderes. Ich kam hierher, befangen in meinen Vorurteilen, die mich glauben liessen, ich sei intelligenter, gebildeter, in allem sicherer als sie. Mit jedem Tag den ich an ihrer Seite verbringe fühle ich mich schwächer als sie und sie stärker, als ich es bin.

Ist es ihre Würde die sie so schön macht? Wir helfen nicht einer vom Überlebenskampf geschlagenen Bevölkerung. Der schmutzige Krieg wird hier gegen Hunger, Armut und den Regen ausgetragen. Hier gibt es weder Gute noch Schlechte, weder Parteien noch Grundsätze, nur Menschen inmitten eines unermesslichen Leids. Und allein ihr Mut lässt das Leben in dieser Asche unmöglicher Hoffnung wieder erwachen. Ich glaube das ist der Grund, warum ich sie so liebe, und auch, warum ich sie bewundere. Als ich zu ihnen kam, hielt ich sie für Opfer, doch sie zeigen mir mit jedem Augenblick, dass sie etwas ganz anderes sind, und sie lehren mich heute weit mehr als ich ihnen gebe.

Wir tätigen Krankenbesuche in den äussersten Dörfern. Das Leben hier ist so anders als alles was wir uns jemals vorstellen können. Die Hütten unvorstellbar klein und dunkel. Nur die schrillen Schreie dröhnen in unseren Ohren und lassen uns ansatzweise erahnen was uns erwartet. Bei jedem Schlag meines Herzens schnürt sich meine Kehle zusammen. Der Schmerz in mir wenn ich dieses leidende, schreiende vom Schmerz sich krümmende Kind ansehe, lässt mich vergessen zu atmen. Der schlimmste aller Alpträume an dem man zu sterben glaubt weil einem das Herz in der Brust zerspringt. Diese Hilflosigkeit in mir, wie eine Eisenkette die meine Seele zusammen schnürt. Hoffnung und Glaube gross wie die Wüste und unaufhörlich wie der Regen in der Regenzeit. Chancen jedoch winziger als ein Reiskorn in dessen Besitz sie nicht sind. Mehr kann und will ich nicht erzählen. Manche Geschichten gehören nur den Opfern, und das Schamgefühl derer, die ihnen geholfen haben ist Hüter des Geheimnisses.

Beim nächsten Besuch ist weder ein Schreien noch ein Winseln zu hören und ich kämpfe vergebens gegen den Gedanken, der mir die Konsequenzen dieser Stille vor Augen führt. Das dreijährige Mädchen liegt regungslos auf ihrem Lager, ihr schweissbedecktes Gesicht deutet auf ein schweres Fieber hin, das sie niedergestreckt hatte. Die Malaria hat sie über Nacht befallen und ihr kleiner zierlicher Körper hatte keine Kraft dagegen anzukämpfen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben weltweit jährlich knapp eine Million Menschen an Malaria, etwa die Hälfte von ihnen sind Kinder unter fünf Jahren. 90 % der Erkrankten leben auf dem afrikanischen Kontinent. Die WHO schätzte die Zahl der Malariafälle 2009 auf 243 Millionen.

Der leblose kleine Körper wird in Tücher gewickelt und auf den Dorfplatz getragen. Das ganze Dorf ist versammelt um sich gegenseitig Trost und Kraft zu spenden. Weit außerhalb des Dorfes wird die noch viel zu kleine Seele, an die Mutter Erde übergeben. Meine Beine geben nach und ich lasse mich zu Boden gleiten, mein leerer Blick fixiert einen Punkt auf dieser roten Erde mit der sie zugeschüttet wird. Bis nur noch ein kleiner Hügel frischer Erde an sie erinnert, nicht einmal ein Name oder ein Kreuz kein Zeichen in Erinnerung an dieses viel zu kurze Leben. Zurück auf dem Dorfplatz waschen sich alle die Hände. Sich symbolisch vom Tod zu reinigen. Meine Füße bringen noch immer keinen Schritt vor den nächsten, dieses Gefühl der Ohnmacht das mich so lähmt.

In welcher Kirche müsste man beten, damit dieses Leid dieser Kinder endlich aufhört. Und, wenn sie sterben, wer sind dann die Unschuldigen auf diesem Planten von Irren? Ich habe das Gefühl meine Seele unter der Bitterkeit und Wut meiner Tränen zu vergiften. Aber dieser Schmerz gehört mir nicht, und diese Erde ist zu sehr mit Wasser durchtränkt um auch noch meine Tränen aufzunehmen. Zu Leben ist für mich nicht länger ein Recht, es ist zu einem Privileg geworden.

Reich an rührenden Begegnungen, wertvollen Erfahrungen, unvergesslichen Erinnerungen, bereichernden Lebensweisheiten und tiefen Freundschaften vergeht die Zeit. Ich lerne mein Leben mit allen Sinnen zu schätzen. Kleinigkeiten verlieren an Bedeutung und Prioritäten werden neu geordnet. Mehr als jemals zuvor erkenne ich das Glück, welches mich seit meiner Geburt begleitet. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich keine Angst mehr vor der Ewigkeit, vor dem Angriff der Zeit. 

Man erträumt sich ein Ideal, man ersehnt es, lauert darauf, und dann, an dem Tag, da es Gestalt annimmt, hat man Angst es zu leben, fürchtet, den eigenen Träumen nicht gewachsen zu sein oder sie mit einer Wirklichkeit in Einklang zu bringen, für die man verantwortlich wird. Es ist leicht sich zu weigern, erwachsen zu werden, so leicht, die eigenen Fehler zu vergessen und sein Schicksal verantwortlich zu machen, anstatt zu handeln. Afrika wurde für mich zu einer wahren Lebensschule, und ich wünsche mir von ganzem Herzen Dir etwas davon mitzugeben. Mir ist sehr wohl bewusst auch du hast dein Bündel zu tragen. Und das gebrochene Bein deiner Nachbarin nimmt nichts vom Schmerz deines verstauchten Knöchels ab.

Aber vielleicht gelingt es dir hin und wieder die Dinge zu relativeren, und das Glück in deinem Leben neu zuerkennen. Denn die Kunst liegt nicht darin das Glück zu finden sondern sich dessen bewusst zu werden!!! Alles Gute

Kadiolo Oktober 2010 Mirjam Hollinger